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Wenn zwei sich streiten...  (Zurück) zum Poster
Um 1430 waren die Dithmarscher Kirchspiele in zwei Parteien gespalten. Der Streit drehte sich um das Strandrecht an Handelsgut aus Hamburg und das Stapelrecht, das Hamburg für Waren aus Dithmarschen geltend machte. Radlefs Kersten aus Norddeich führte die Hamburg feindliche Partei. Sein Gegenspieler Kruse Johann aus Wöhrden paktierte mit Hamburg und war zuletzt siegreich. Am 28. September 1434 versammelte Kruse Johann seine Leute erstmals auf der Heide – auf neutralem Boden, denn der Hauptort Meldorf hielt zu den Gegnern. Hier wurde 1434 ein Friedensvertrag mit Hamburg geschlossen, dem nach und nach andere Kirchspiele beitraten. Obwohl sich Meldorf schon 1435 diesem Bündnis anschloss, konnte es seine Stellung als bisheriger Hauptort und Versammlungsplatz nicht halten. 
Der großzügige Zuschnitt des Platzes ermöglichte eine Gesamtversammlung aller freien Dithmarscher (schätzungsweise 3500 Männer) mit Gefolge, die auch ihr Nachtlager am Platz aufschlugen und die Gelegenheit nutzten, die heimischen Erzeugnisse anzubieten. Bauern, Handwerker und Mitglieder der 48er-Rates ließen sich in Heide nieder.
Die Bauerschaft Heide erhielt ihre Feldmark von den umliegenden Dörfern Lohe, Rickelshof, Wesseln und Rüsdorf. Das zuständige Kirchspiel blieb zunächst Weddingstedt. Der neue Siedlungsplatz hatte nicht nur strategische Vorteile für die streitenden Parteien. Die verkehrsgünstige Lage am Knotenpunkt der Fernverbindungen, mit wintertauglichen Wegen, die auf der Geest und den Nehrungenverliefen und notfalls gesperrt werden konnten, waren entscheidend für den rasanten Aufstieg Heides. Es entwickelte sich in wenigen Jahrzehnten zu einem bedeutenden Marktflecken, einem stadtähnlichen zentralen Ort ohne Mauer und Stadtrecht. Ausgangspunkt mag ein kleines, für 1404 erwähntes Dorf Heide gewesen sein, das wohl westlich des späteren Marktes lag.
Eingeblendet: Siegel der Bauerschaft Heide, vor 1461
Heides Ortsbild zur Regentenzeit
Der gebürtige Dithmarscher Kartograph Daniel Freese schuf diese Ansicht 1596 für das Städtebuch von Braun und Hogenberg wohl nach Angaben und aus seiner Erinnerung. Die eher schematische Darstellung der Fachwerkbauten hat im Detail manchen Fehler. So fehlen die Triften zwischen den Häusern, die überwiegend einstöckig gewesen sein dürften. Aus Bodenfunden wissen wir auch, dass es Häuser mit Schmuckgiebeln gegeben hat. Freese hat nur zwei Häuser in ihrer Bauweise hervorgehoben. Mit dem großen Fachwerkbau an der Südseite könnte das damals bewunderte Haus des Wolt Reimers gemeint sein, mit dem Steinhaus an der Nordseite des Marktes das 'Rathaus' der 48er, das wohl etwas westlich lag. Der Straßenverlauf im Westen des Ortes ist ebenfalls unstimmig. Hier fehlt die Gabelung in Kleine und Große Westerstraße, die es damals schon gegeben haben muß. Die Kirche ist zu weit in Marktmitte und ohne den mehrfach gebrochenen Chor dargestellt.
Heide unmittelbar vor seiner Eroberung 1559, fälschlich auf 1557 datiert

Regenten und Kirche: Machtpole im Freistaat  (Zurück) zum Poster
Die Regenten
Heide war nicht nur der wichtigste Marktort Dithmarschens, sondern vor allem die Zentrale der politischen Macht des bis 1559 bestehenden Bauernfreistaates. 
1447 wurden in der reformierten Verfassung, dem Dithmarscher Landrecht, 48 Kirchspielsvertreter als oberste Richter und Ratgeber eingesetzt, die sich wöchentlich versammeln sollten. Dieses sonnabends in Heide tagende Kollegium entwickelte sich zu einer eigentlichen Regierung des Freistaates. Es schuf Gesetze, sprach Recht, erhob Strafen, empfing oder schickte Gesandtschaften. Seine Mitglieder waren Personen mit Grundbesitz aus einflussreichen Geschlechtern oder Familien. 
(Der "Süderstrand", die Kirchspiele Marne, Burg, Eddelak und Brunsbüttel, hielten noch fast ein Jahrhundert an ihrer Politik gegenüber Hamburg fest und hatten ein eigenes obergerichtliches Kollegium von 24 Herren.)
Die Kirchspiele
Die Kirchspiele, heute zum Teil noch als Kirchspiellandgemeinden weiterlebend, waren die politischen Einheiten der einzelnen Dorfschaften eines Pfarrbereichs. Vor 1447 waren sie selbständige Glieder einer lockeren "Gemeinheit des Landes Dithmarschen" mit unabhängiger Außenpolitik. Ab 1447 wurden sie zunehmend der zentralen Landesführung in Heide untergeordnet.
Die benachbarten Fürsten
Der Bremer Erzbischof war seit 1227 der eigentliche, wenn auch in Praxis ziemlich machtlose Landesherr Dithmarschens. Dennoch gab es ständig Übergriffe der Holsteiner Fürsten. In Schlachten wie in Verträgen konnten sich fast immer die Dithmarscher durchsetzen.
König Christian I. bemühte sich nach der Errichtung des dänisch-holsteinischen Gesamtstaates 1460 um einen kaiserlichen Lehnsbrief über Dithmarschen, den er 1476 erhielt. Kurz zuvor hatte er den Dithmarschern noch ihre Unabhängigkeit zugesichert. Sie verweigerten ihm das kaiserliche Gebot der Huldigung. Nach zähen Verhandlungen und der Romreise Jacob Pollekes wurde den Dithmarschern die Zugehörigkeit zu Bremen durch Papst Sixtus bestätigt, was für die Dithmarscher das Fortleben ihrer Unabhängigkeit bedeutete.
Die Geschlechter
Die Dithmarscher Geschlechter waren Rechtsverbände, die aus Siedlungsgenossenschaften hervorgegangen waren und denen man von Geburt aus angehörte. Fehden zwischen Geschlechtern waren üblich und wurden vom Landrecht ausdrücklich berücksichtigt. Die Zugehörigkeit zu einem Geschlecht war bei Rechtsstreitigkeiten von Vorteil, wenn das Geschlecht bei Eidgericht und Bußgeld einstand.
Großes Landessiegel mit den Landesheiligen Maria und Oswaldus, um 1500
Die Kirche
Die Kirche hatte wechselnden Einfluß auf die Bauernrepublik. Durch das Landrecht von 1447 war er zunächst stark beschnitten. Mit der Reformation setzte die Kirche einige Änderungen durch, so z. B. die Entmachtung der Geschlechterverbände.
Aufsehen erregte das Verfahren gegen den reformatorischen Prediger Heinrich von Zütphen im Jahre 1524. Während das Kirchspiel Meldorf dem Anhänger Luthers aufgeschlossen gegenüberstand, beschlossen einige Regenten im Verein mit den Meldorfer Mönchen, zur Selbstjustiz zu greifen, schleppten ihn nach Heide, wo sie ihn grausam hinrichteten. Doch auch die Dithmarscher Regenten konnten sich der neuen Lehre nicht lange verschließen. So war es 1532 an der Zeit, das Verkünden des alten Glaubens unter Strafe zu stellen – die Hansestädte Lübeck, Bremen und Hamburg, wichtige Partner im Handel, hatten bereits begonnen, ihr Gemeinwesen im Geist des lutherischen Christentums zu reformieren.
Heinrich von Zütphen, ein Schüler Martin Luthers.
Zütphens Hinrichtung in Heide im Jahre 1524, der Tradition nach auf dem heutigen Nordfriedhof.

'Bußgeldkatalog' des Landrechts um 1500  (Zurück) zum Poster
Die Strafgelder gingen teils als Schadensersatz an den Geschädigten und sein Geschlecht, teils als 'Brüche' (daher das Wort Verbrecher) an das Gericht oder das Land.
Für eine Mark (Lübisch) konnte man damals etwa 300 kg Getreide, 15 kg Fleisch oder 1000 Eier kaufen.
straffrei jemanden im Zweikampf töten
jemanden zur Blutrache während einer Geschlechterfehde töten
eine Hure töten
8 Schilling jemanden mit Bier begießen
16 Schilling jemandem tagsüber die Pferde losbinden
30 Schilling Körperschaden mit Verlust eines Finger- oder Zehnagels
4 Mark 8Pf Körperschaden mit Verlust einer der Mittelfinger
90 Schillling Degen in der Kirche oder beim Biergelage tragen
    Ausraubung Totgeschlagener
    Widerstand gegen Erhebung der Kircheneinkünfte
8 Mark 16Pf Körperschaden mit Verlust eines Zeige- oder kleinen Fingers
180 Schilling Mordabsicht
    Kleider bei Rauferei wegreissen
    nächtliches Glockenläuten
    nachts das Pferd losbinden
    einer Frau ihre abgelegte Kleider wegnehmen
    Einbruch tagsüber
    Korn- oder Torfdiebstahl tagsüber
    Frauentruhe ausrauben
    jemandes Deich abgraben
    Beraubung holsteinischer Kaufleute
25 Mark Körperschaden mit Daumenverlust
30 Mark Mißachtung des Gebots der Deich- oder Feldweginstandsetzung
    Reisekostenunterschlagung
    Bruch des einfachen Landfriedens
50 Mark Mannbuße bei Totschlag eines unehelich Geborenen
    Körperschaden mit Verlust von Auge, Hand, Fuß oder Ohr
60 Mark Bruch des Markt- oder Versammlungsfriedens
    Nicht-Feiern des Oswaldus-Jahrestages der Süderhamme-Schlacht
    Zerstörung von Wind- oder Wassermühlen
    Lärm und Streit während der Landesversammlung
    einer Frau die Kleider wegreißen oder vom Pferd werfen
    Einbruch nachts
    Vieh-, Korn- oder Torfdiebstahl nachts
    Holzfällen in den Landwehren
    Verkauf krepierten Viehs
    einen Mann fälschlich der Vaterschaft beschuldigen
100 Mark einfache Mannbuße bei Totschlag
120 Mark Vergewaltigung einer unberüchtigten Frau
Bestechlichkeit in Rechtssachen
200 Mark Doppelte Mannbuße bei Totschlag in Sonderfrieden oder besonderer Personen wie Mitglieder des 48er Regentenkollegiums oder Pilger
Tod am Galgen Räuberei und Dieberei unehrlicher oder vogelfreier Personen
Wenn kein Geschlecht für einen einstand, war die Todesstrafe in verschiedener Form üblich. 'Ehrenhaft' war der Tod durch Köpfen, unehrenhaft durch Feuer oder Strang.

Heides erste Häuser: 1987/88 ausgegraben  (Zurück) zum Poster
Das älteste Haus auf dem Gundstück Markt 62/64 war ein dreischiffiges Hallenhaus (B) mit mächtigen, tief eingegrabenen Innenpfosten, die dicht an die Wandpfosten gesetzt worden waren. Die Lehmwände waren wenigstens zum Teil mit großformatigen Ziegeln verblendet. Funde aus älteren Gruben datieren hier diese Bauform etwa in das frühe 15. Jahrhundert. Das Haus brannte nieder, doch gab es im Brandschutt nur wenige Funde: verkohltes Getreide und einige Waffen (Nierendolch, Messerklinge und Lanzenspitze).
Die Neubauten von Haus A und B wurden nun als Dielenhäuser in Fachwerk errichtet. Haus B wurde etwas schmaler wiederaufgebaut, die Fundamentsteine lagen auf den Pfostenlöchern des Vorgängers. Bis zu seiner erneuten Zerstörung 1559 wurde es mehrfach umgebaut. Die Fußböden wurden erneuert, Außenwände verlegt und im Osten eine Ofenstube angebaut. Die Fassade war wohl mit Sandstein verziert, denn in den Fundamenten fanden sich Bruchstücke dieses Gesteins. Der Eingang befand sich im Süden. Das Vorderhaus und die Diele waren mit gelb und grün glasierten Fliesen ausgelegt. Im rückwärtigen Teil lagen der Pesel und die Werkstatt eines Metallhandwerkers. – In Haus A wurden als Scherbenhaufen die Reste des in der Ausstellung rekonstruierten farbig glasierten Kachelofens gefunden.
Beim Brand 1559 eingestürzter Keller. Rot sind die durchglühten Bruchstücke der Lehmdecken und -wände.
Teile eines farbigen Glasfensters – beim Brand 1559 vom Pesel in den Keller (Bild rechts) gestürzt

"Phönix aus der Asche": der älteste Kachelofen im Norden  (Zurück) zum Poster
Dieser Ofen wurde im 1559 abgebrannten "Haus A" (nun Markt 62) gefunden. Er war ein zeittypischen 'Bilegger', der von der offenen Herdstelle im Nachbarraum mitgeheizt wurde. Der Aufbau ist frei rekonstruiert; der Unterbau kann, wie hier angenommenen, aus (verschwundenen) Eisenplatten oder auch aus kleinen Kacheln bestanden haben.
Bildvorlagen aus Beham-Bibel
Plan von Haus A
Sockel eines grünglasierten Ofens im Nachbarhaus

In den Brunnen gefallen...  (Zurück) zum Poster
Bei Ausgrabungen an der Markt-Nordseite (62-64) wurden hinter den Häusern Brunnen entdeckt. In einem Brunnenschacht wurde dieser Daubeneimer (oben) gefunden. Da der Schacht schon während seiner Nutzung eingestürzt und aufgegeben worden war, wurden dort außer einem zweiten Eimer und einer Tonflasche (um 1550) keine weiteren Funde ausgegraben.
Auch diese Tonflasche war in den Brunnen gefallen.
Archäologische Dokumentation des senkrecht 'geschnittenen' Brunnens
Neben einigen öffentlich zugänglichen Brunnen war es schon im 16. Jahrhundert üblich, private Brunnen anzulegen. Die Brunnenschächte bestanden in der Regel aus Heidesoden, die auf hölzerne Senkrahmen aufgeschichtet wurden. – Eine zweite, unhygienische Nutzung fanden die ausgedienten Brunnenschächte als Kloaken und für Abfall.
Die Brunnen hatten Masten mit großen Ziehhebeln, wie hier auf dem Stich von Freese (1596, für 1559) und auf dem Aquarell von 1737 zu sehen.
Frisch ausgegraben: ein Holzrahmen, die Grundlage für den Sodenschacht

Inferno über Heide: Eroberung und Brand 1559  (Zurück) zum Poster
Mit der Eroberung und Niederbrennung Heides am 13. Juni 1559 endete der Bauernfreistaat. Heide verlor etwa ein Drittel seiner Gebäude. Die Ansicht aus Johann Rantzaus "Res gestae" zeigt den Ort symbolhaft ohne den Markt. Der überhöhte Chor der Kirche täuscht einen Turm vor. Unten das befestigte Hammhaus ("Schanze").

Die Tracht der unverheirateten Frau im 17. Jh.  (Zurück) zum Poster
Einige wenige Darstellungen sowie eine Zeichnung des Dithmarscher Chronisten Neocorus mit genauer, allerdings nicht durchweg richtiger Beschreibung erläutern die Tracht der unverheirateten Frauen des späten 16. Jahrhunderts. Wie die Verheirateten trugen sie Pelz, Futterhemd und Rock über einem Hemd. Neocorus zeigt das Futterhemd mit einer genau begrenzten Zahl von Falten. Der Unterschied zu den Verheirateten war neben anderen Farben (grün!) die fehlende Kopfbedeckung; das Haar war zu langen Zöpfen geflochten und wurde durch den 'Zeppel', einer z. B. mit vergoldeten Münzen besetzten Zier über einem Lederband zusammengehalten.
Umzeichnung der Illustration des Neocorus nach Hubert Stierling

Die Tracht der verheirateten Frau  (Zurück) zum Poster
Durch Text und Bild ist die (Festtags-)Tracht der verheirateten Dithmarscher Frauen für die Zeit von 1552 bis kurz nach 1600 überliefert. Zuunterst trugen sie eine Art Hemd, darüber den 'Pelz' (Schaf, Fell nach innen) bzw. das Futterhemd aus hausgewebtem Wollstoff bzw. den rings gefalteten Rock. – Den Kopf bedeckte über der für Verheiratete zwingenden Haube die landestypische geschwänzte rot-schwarze Kagel, die rechts 19 Zierknöpfe trug. Dazu kam Zierrat und Schmuck je nach Anlass; am Gürtel trug man Tasche, Nasentuch und Besteckköcher.
Randfigur der Böckel-Karte von 1559, eine Dithmarscherin in Tracht. Hier wird der lange Schwanz der Kagel deutlich (Pfeil).
Der Büsumer Chronist Neocorus beschrieb und zeichnete die Dithmarscher Tracht kurz vor 1600. Umzeichnung von Hubert Stierling
Frau Mule (Meldorfer Dom) trägt eine Pelzmütze statt der Kagel (1618).
Die Farbwirkung der Kagel wird bei Frau Swyn deutlich (1552). Original im Dith
marscher Landesmuseum Meldorf
Heinrich Rantzau sah diese Darstellung einer verheirateten Dithmarscherin für seine nie vollendete Landesbeschreibung vor. Sie ist hier spiegelbildlich dargestellt, um den Seitenfehler des Originals auszugleichen. Deutlich wird das in den Gürtel eingehängte 'nese-dock' (Nasentuch).
Die beiden Frauen des in Heide residierenden fürstlichen Landschreibers Johann Rasche trugen Anfang des 17. Jahrhunderts keine landestypische Tracht mehr. Ausschnitt aus einem leider seit den 1960er Jahren spurlos verschwundenen, kunstgeschichtlich wertvollen Epithaph der Heider St.-Jürgen-Kirche

Dithmarscher Männertracht: eine Fiktion?  (Zurück) zum Poster
Die wenigen Darstellungen des 16. Jahrhunderts von Dithmarschern zeigen keine eigentliche Landestracht, sondern die aktuelle Mode bei denen, die es sich leisten konnten. Wer keine körperliche Arbeit leisten mußte und repräsentieren wollte, trug wie Markus Swyn einen Mantel nach spanischer Mode. Sein Großvater Peter Swyn soll auf einem Fürstentag in Itzehoe mit einem von ihm bei Hemmingstedt 1500 erbeuteten prächtigen Wams über einer Hose aus hausgewebtem Wollstoff ('Webbe') Aufsehen erregt haben. Einzig diese Hosen scheinen in ihrer Weite und Kürze eine Dithmarscher Besonderheit gewesen zu sein.
Sieben Jahre vor der Unterwerfung Dithmarschens ließ sich der Regent und spätere Landvogt Markus Swyn in spanischer Tracht portraitieren. Original im Dithmarscher Landesmuseum Meldorf
Männerkleidung nach Heinrich Rantzaus Landesbeschreibung
Auch die Figuren des Sühnesteins Frens an der Heider Kirche (1567) zeigen die kurzen weiten Männerhosen.
Gut ist die damalige Männerkleidung auf der Stele mit dem Mord an Peter Swyn (1534) zu sehen. Der Unterlegene trägt eine aufwendiger zugeschnittene Jacke und eine Pelz- oder Filzkappe. Der Mörder dagegen ist in einfacherer Alltagskleidung dargestellt. Geschlechterfriedhof Lunden

Fürstenherrschaft über selbstverwaltete Bauern  (Zurück) zum Poster
Dithmarschen wurde nach der Niederlage in der "Letzten Fehde" 1559 zunächst unter den drei Siegern aufgeteilt. Nach dem Tode von Herzog Johann d.Ä. von Hadersleben wurde sein Anteil unter König Friedrich II. von Dänemark (Süderdithmarschen) und Herzog Adolf von Holstein-Gottorf (Norderdithmarschen) aufgeteilt. Diese Zweiteilung blieb in der Verwaltung bis 1970 und in einigen Institutionen bis heute bestehen. Heide war zunächst Hauptort des Mittelteils, dann seit 1581 des Norderteils Dithmarschens.
Die Selbstverwaltung blieb in weiten Zügen erhalten. Es wurden Landesgevollmächtigte bestellt, da es außer dem Landschreiber keine königlichen oder herzöglichen Vertreter im Land gab. Auch Landesversammlungen wurden noch abgehalten, z. B. 1598 bei Stelle anlässlich einer Geldforderung des Herzogs Johann Adolf von Holstein-Gottorf an den Norderteil.
In den Hauptorten Heide, Meldorf und Lunden wurden Landvögte eingesetzt, die aus der ehemaligen Führungsschicht stammten. In Heide war dies Wolt Reimers, der vor 1559 zu den 48 Landesregenten gehört hatte. Er unterstand zunächst dem Amtmann des benachbarten fürstlichen Amtes Rendsburg als Gouverneur. Nach der Aufteilung 1581 entfiel für Norderdithmarschen das Amt des Gouverneurs. Der Gottorffer Herzog behielt lediglich die Lundener und die Heider Landschreiberei bei, die die landesherrlichen Steuern erhoben und abrechneten.
Ein wesentlicher Bestandteil der Verträge mit den neuen Landesherren war die Gleichstellung von Handel und Handwerk gegenüber den benachbarten Landen.
Huldigung der 1559 unterlegenen Dithmarscher an die Sieger
Anlässlich der Grenzfestlegung zwischen Norder- und Süderteil entstand um 1581 diese Skizze. Sie zeigt schematisch den Ort Heide und die Befestigungsanlagen der Hamme (rechts, nun "Schanze" vor Süderholm).
Noch heute zeugen Grenzsteine am südlichen Ortsrand von Heide von der Trennung von Norder- (ND) und Süderdithmarschen (SD).
Zu den Vorrechten, die sich die Dithmarscher gesichert hatten, zählte die Zollfreiheit. Ihre Abschaffung 1839 rief in Dithmarschen Proteste hervor. Dieser Anschlag an der Heider "Fischpumpe" am Markt lässt den dänischen König als Landesherrn einen Pakt mit dem Teufel schließen.

Dreimal der Heider Marktplatz  (Zurück) zum Poster
Oben: Ein unbekannter Künstler aquarellierte um 1740 den Heider Markt von der Nordseite aus. Damals standen auf dem Markt noch die Vogelstange für den Schützenvogel der Papagoyengilde, das Spritzenhaus für die Feuerbekämpfung (links) und östlich der Kirche die Schule mit einem landestypischen Ziegelgiebel (um 1600).
Mitte: Naive Zeichnung des Landmessers Raht vom Markt, 1718. Von den Häusern am Markt ist nur das Fürstliche Haus (rechts oben) abweichend dargestellt. Nationalmuseum Stockholm THC 2696, Foto Hans Thorwid
Unten: Sonnabendmarkt in Heide, Lithographie kurz vor oder um 1850 nach H. Klinck.

Norden unten: Heides ältester genau vermessener "Katasterplan" von 1756  (Zurück) zum Poster
Der "Randahl-Plan" von 1756 beruht erstmals auf genaueren Vermessungen, auch wenn sich hinsichtlich der Richtung der Norderstraße (rechts unten) ein Fehler eingeschlichen hat. Nicht mit abgedruckt ist der linke, östliche Teil des Plans mit dem Ziegelhof. Bräunlich sind Teiche und Kuhlen dargestellt. Bläulichgrau sind Hügel, meistens Grabhügel der Bronzezeit, die teilweise den Bockmühlen als erhöhter Untersatz dienten. Eine neue Vogelstange steht im Süden in die Nähe des "Bracker Thors" (Braakener Feldtor, heute nahe dem Tivoli). Auf dem Markt finden sich neben Kirche, Schule und dem Spritzenhaus die alte Vogelstange und der Prangerpfahl ("Justiz").
Grund=Riß von dem Städtlein Heyde, welches auf Ihro Kaiserl. Hoheit dem Durchlauchtigsten Großfürsten aller Reußen, und Regierenden Herrn Hertzogs zu Schleswig-Holstein pp. Allergnädigsten Befehl im Jahr 1756 aufgenommen und in Riß gebracht worden.
Explication der Buchstaben
A. die St. Jürgens-Kirche. B. das Armen-Hauß. C. die Kleine Heide. D. die Norder-Straße. E. die Große Wester-Straße. F. die Kleine Wester-Straße. G. Wester-Quer-Straße. H. Dorn-Straße. I. Pest-Straße. K. Süder-Straße. L. Hafen-Straße. M. Gast-Wurth. N. Himmelreich. O. Oester-Straße. P. Land-Weg. Q. Schuhmacher-Straße. R. Flöh-Straße. S. Hennstedter-Straße. T. Weddingstedter-Straße. U. Sempf-Straße. V. der Marckt. W. die Graupen-Mühle. X. Windmühlen. Y. alte Ziegeley. Z. Scheidepfähle zwischen Norder- und Süderdithmarschen.
Hieselbst hält alle Sonnabend der p. t. Landvoigt das Unter-Gericht und überdehm wird noch im Jahre 3 bis 4 mahl Gericht gehalten, welches die erste instance ausmachet, worin der Landvoigt als Praeses- und die Kirchspielvögte dieser Landschaft sitzen, die gantze Landschaft Groß-Fürstlichen Antheils, welche Eilfe Kirchspiele ausmacht, hat wenn Landschafts Angelegenheiten halber etwas zu bereden vorfällt, allhiro Ihre Zusammenkunft. Der Marckt wird ebenmäßig hieselbst alle Sonnabend, von des Morgens frühe an bis des Nachmittags umb 1 Uhr gehalden, welchem Frembde von 4 bis 5 Meilen herum, in großer Menge besuchen, die Ihr Gewerbe und Handlung darauf treiben, wovon die Einwohner, welche größtentheils Handwercker sind, großen Nutzen haben; und obgleich dieser Orth fast mitten im Lande Dithmarschen auf der Geest lieget: so hat selbiger demnach vor andern, an Gebäuden gutte Einwohner und Nahrung den Vorzug. Aufgenommen und in Riß gebracht von J. C. Randahl, Major. Landesarchiv Schleswig Abt. 402 B III Nr. 5

Heide, hedde se Water unde Weide, Se were beter alß Lunden und Meldorp alle beide  (Zurück) zum Poster
Dieser durch den Chronisten Neocorus für die Zeit um 1600 überlieferte Spruch wies auf damals entscheidende Nachteile der Lage Heides hin: kein direkter Wasserweg, wie ihn damals noch Meldorf hatte, und keine Fettweide wie in den Marschen, die für landwirtschaftlichen Reichtum stand.
Heide, das Rom Dithmarschens?
Claus Harms (1778-1855), Pastor in Lunden, später Probst in Kiel, schrieb anlässlich seines Fortgangs aus Dithmarschen im Jahre1816 über Heide und Rom:
Nach ihrem kleinen Anfang zwar an günstiger Lage, doch an ungünstigem Ort, erhoben sich beyde Städte schnell durch Einwanderungen, jede unter ihrem kriegerischen Heiligen, (...) jetzt zu Hauptörtern des Landes, und ihre Nebenbuhlerinnen sanken. Seitdem vereinigte sich in ihnen alle Macht, aller Reichtum und Glanz, zum Verderben des Landes. Verschlang nicht Rom ganz Italien? Man lese die Klagen der Bundesgenossen. So streckt auch Heide seine Arme in jedes Dorf der Landschaft und zieht das Geld zu sich (...). Unsere Kaufläden macht Heide leer, unsere Werkstätten verödet es, durch unsere Brände vergrößert und verschönert es sich, den Schweiß des Ackerbaues überläßt es uns, jetzt noch als Landeignern, bald, wenn es so fortgeht, als Häuersleuten und Bauknechten, endlich als Leibeigenen, gleich wie Rom alles rund umher in die Sclaverey schlug, – wenn wir nicht klug und kühn werden.
Auch wenn dieser Vergleich hinkt und die markigen Worte ein ganz persönliches Empfinden widerspiegeln, so war die zentralörtliche Entwicklung Heides zu dieser relativ späten Zeit für die Nachbarorte zunächst von Nachteil, denn es hatten sich ja Märkte z. B. in Meldorf, Wesselburen, Wöhrden und Lunden gebildet. Die Region als Ganzes konnte langfristig nur profitieren, da die Fernverbindungen gestärkt und ausgebaut werden konnten. (Häuersleute: Mietarbeiter)

Apotheken in Heide: natürlich am Markt  (Zurück) zum Poster
Als in Heide 1631 die erste Apotheke, die Löwenapotheke oder Alte Apotheke, gegründet wurde, gab es in Schleswig-Holstein erst 16 Apotheken. Jakob Block aus Tönnig erhielt auf Fürsprache des Landvogts vom Herzog das Privileg zur Gründung dieser ersten Apotheke Norderdithmarschens. Krämer und Gewürzhändler hatten zuvor Medikamente auf dem Markt angeboten, obwohl dies bei Strafe von 10 Reichstalern verboten war.
Eine Besonderheit stellt die Gründung einer zweiten Apotheke 1716-1720 dar. Sie wurde aus unbekannten Gründen aufgegeben.
Auch die Neugründung der Apotheke zum weißen Hirsch 1734 war zunächst nicht viel erfolgreicher. Ihr Betreiber Johann Ludwig Kuss hatte Existenzprobleme, denn er bewarb sich um das Privilegium, eine Apotheke in Meldorf zu eröffnen, um ein besseres Auskommen zu finden. Er verkaufte später beide wieder.
Dr. med. und Landphysikus Juncker kaufte die Hirschapotheke und betrieb sie bis zu seinem Tode 1787. Danach war das Praktizieren als Arzt in Verbindung mit dem Halten einer Apotheke nicht mehr zulässig. Noch von 1812-15 ist die Hirschapotheke laut Kataster für die Norderstraße 5 belegt, danach erfolgte der Umzug an den Markt 58, wo sie bis 2002 bestand.
Einer Revision 1775 durch den Physikus Salchow aus Meldorf verdanken wir einen Großteil der Funde in den Kloaken. Zahllose Abgabe- und Vorratsgefäße mit wohl unbrauchbarem Inhalt wanderten neben Laborgefäßen und dem üblichen Abfall in die Grube. Heute gälte so etwas als Umweltskandal, denn sogar loses Quecksilber fand sich im Schacht.
Bis heute erhalten: die Wahrzeichen der Löwen- und der Hirschapotheke
Die Löwenapotheke um 1870 im heutigen, vielfach umgebauten Gebäude
Hirschapotheke (um 1900) zu Norden am Markt
Der Sickerschacht während der Ausgrabung

Pferdemarktprivileg von 1582  (Zurück) zum Poster
1582: Der 'Mit-Eroberer' Dithmarschens, Herzog Johann Adolph, verordnete Heide einen zentralen jährlichen Pferdemarkt, bei gleichzeitigem Verbot des Verkaufs von Pferden in Gebiete westlich der Elbe. Damit wollte er sich den Pferdehandel und die damit verbundenen Einnahmen für das eigene Herrschaftsgebiet sichern.
Bauersleute auf dem Weg zum Heider Markt. Randfiguren auf einem Stich von Heide, aus: J. Mejer und C. Danckwerth, Neue Landesbeschreibung, 1652

Verwaltung 1825: Plan der Budenplätze für den Wochenmarkt – selbst heute unerreicht!  (Zurück) zum Poster
Im Gegensatz zu heute führte man um 1825 säuberlich Buch über die Marktstandplätze. Man handelte damals mit: Käse, Obst, Gemüse, Kartoffeln, Wolle, Bier, Fisch (Stint), Gewürz, Tabak, Holz, Saat, Pelz- und Galanteriewaren. Es gab viele Schlachter und Bäcker sowie Zuckerbäcker, Aalschmorer und Topfhändler (handelt mit schwarzen Töpfen: aus Dänemark importierte Jütepötte). Dazu kamen eine Reihe von Händlern, über deren Waren wir nur mutmaßen können, da sie in den Listen einfach als Handelsleute eingetragen sind.
Folgende Handwerksberufe waren 1825 mit Marktständen vertreten: Grobschmied, Kleinschmied, Nagelschmied, Kupferschmied, Goldschmied, Büchsenschmied, Zinngießer, Klempner, Scherenschleifer, Messinggießer, Siebmacher, Mützenmacher, Hutmacher, Schneider, Schuster, Weißgerber, Grützmacher, Sattler, Juwelier, Töpfer, Buchbinder, Seiler, Barbier, Drechsler, Korbmacher, Faßmacher (Küper oder Böttcher), Holzpantoffelmacher, Holzkrämer, Besenbinder, Löffelmacher.
Hintergrund: Naive Ansicht des Marktes von C. F. H. Bünsow, um 1830, Ausschnitt
Der Plan unten zeigt die Lage der Stände - wie heute vor allem im Westen des Platzes

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© Volker Arnold, zuletzt geändert am: