Urnenfunde aus Dithmarschen – Geschichte der Brandbestattung
Neue Sonderausstellung im Museum Albersdorf

"Jammer und Tränen währen nur kurz, doch Schmerz und Trauer lange. Den Frauen ziemt Klage, den Männern stilles Gedenken."
(Tacitus, Germania, um 100 n. Chr.)

Wichtige Quellengruppen der archäologischen Forschung sind neben Siedlungs- und Hortfunden die Gräber, die zu bestimmten Zeiten typische Formen und Beigaben aufweisen. Die Grabanlagen selbst und die Behandlung bzw. Ausstattung der Toten können unter günstigen Umständen Hinweise auf die religiösen Vorstellungen und den Jenseitsglauben der damaligen Menschen geben.
Bereits in der Jungsteinzeit gab es verschiedene Arten der Bestattung, seien es die bekannten Großsteingräber, aber auch einfache Erdgräber und die ersten Brandbestattungen. Ebenfalls aus der Bronzezeit sind aus vielen der teilweise heute noch gut erhaltenen Grabhügel auf der Dithmarscher Geest Brandbestattungen verschiedener Form überliefert. Vor allem mit dem Beginn der jüngeren Bronzezeit gingen die Menschen dazu über, ihre Toten teilweise mit den Beigaben auf großen Scheiterhaufen zu verbrennen und zumeist in Keramikurnen zu bestatten. Dieser Bestattungswechsel mag mit einem in großen Teilen Europas einhergehenden Religionswechsel zu tun haben. Häufig wurden diese Brandgräber in unmittelbarer Nachbarschaft der älteren Grabhügel und Großsteingräber angelegt. Auf diesen Gräberfeldern wurden dann auch noch bis in die mittlere vorrömische Eisenzeit hinein kleine, in bronzezeitlicher Kontinuität stehende Grabhügel errichtet. 


Dieses durch die Form des Henkels und die plastische Verzierung am Hals als „Gesichtsurne“ zu bezeichnende Gefäß der jüngeren Bronzezeit stammt aus Gaushorn (Foto: Museum Albersdorf).


Auch wenn viele urgeschichtliche Brandgräber in Hügeln angelegt worden sind, so sind diese meist so klein, dass sie durch die moderne Landwirtschaft sehr stark beeinträchtigt bzw. sogar zerstört wurden. Manche Gräberfelder können deshalb am besten von der Luft aus erkannt werden, wo sich wie z. B. hier bei der „Menni ful Bargen“ (plattdeutsch für „sehr viele Berge/Hügel“) genannten Hügelgruppe südwestlich von Albersdorf nur noch Verfärbungen der ehemaligen, mittlerweile fast vollständig abgepflügten Hügel erkennen lassen (Foto: V. Arnold, Heide).

Viele der bronze- und eisenzeitlichen Grabhügel sind heute durch Abtragung oder ständiges Bepflügen zerstört bzw. kaum noch zu erkennen. Von den Bestattungsplätzen der jüngeren Eisenzeit und des frühen Mittelalters sind aufgrund der damaligen Anlage von Flachgräberfeldern ohne dauerhafte Grabmarkierungen keine sichtbaren Spuren im Gelände mehr vorhanden; die Entdeckung solcher Plätze ist deshalb bisher mehr glücklichen Umständen als einer ausreichenden Kenntnis zu verdanken.
Die Brandbestattung blieb bis in das früheste Mittelalter hinein die übliche Beisetzungsform, die erst im Laufe der ab ca. 800 n. Chr. einsetzenden Christianisierung von der Körperbestattung abgelöst wird. Grabbeigaben treten nun nur noch vereinzelt auf und verschwinden mit der Anlage der frühen Kirchfriedhöfe mehr oder weniger vollständig.
Dieses Thema wird im Rahmen der Sonderausstellung im Museum für Archäologie und Ökologie Dithmarschen in Albersdorf anhand originaler Funde (Keramikurnen, Leichenbrand und Beigaben) aus der museumseigenen Sammlung dargestellt. Mit Hilfe von großformatigen Tafeln werden die Hintergründe der älteren Geschichte der Brandbestattung in Dithmarschen und allgemein in Norddeutschland ausführlich behandelt. Die Installation eines nachgebauten „Scheiterhaufens“ illustriert das Thema auf anschauliche Weise. Die dem Thema „Grab und Kult in der Urgeschichte“ gewidmete Dauerausstellung im Untergeschoss des Museums wird teilweise mit in die Sonderausstellung einbezogen. 
Ein Begleitprogramm zur Sonderausstellung findet in Form von Vorträgen, Ausstellungsführungen und einer experimentalarchäologischen „Brandbestattung“ im Steinzeitpark in Albersdorf statt. Ermöglicht wird die Ausstellung durch finanzielle Unterstützung des Vereins für Dithmarscher Landeskunde e. V. und des Fördervereins AÖZA e. V. 
Die Ausstellung im Museum Albersdorf (Bahnhofstr. 29, direkt am Bahnhof) ist vom 28. Oktober 2011 bis zum 25. März 2012 jeweils Di – Fr von 10.30 – 17.00 Uhr und So von 11.00 bis 17.00 Uhr geöffnet. Weitere Informationen dazu unter www.steinzeitpark-dithmarschen.de.

Rüdiger Kelm

Museums-Startseite mit Navigationsrahmen (unten)  Aöza  Zurück © Volker Arnold, zuletzt geändert am: