Südseezauber: Mythos und Realität moderner Steinzeitkulturen in
Papua-Neuguinea
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Südseeparadies – Europäische Bilder von Papua-Neuguinea
„Hier gibt es nur Leidenschaft. Sie sind wie Tiere.“ (Margaret Mead,
Anthropologin, 1960, über die Bewohner Neuguineas)
Die Begegnung von unterschiedlichen Kulturgruppen mit ihrem jeweils teilweise
stark rituell geprägtem Verhalten ist immer sehr komplex und die sich dabei
ergebenden (Re-)Aktionen häufig schwierig zu interpretieren. Missverständnisse
auf beiden Seiten waren und sind beinahe unausweichlich.
Die Darstellung der „Südsee“ in der europäischen Literatur und Malerei
sowie Photographie ist von Beginn an mit einander widersprechenden Vorstellungen
verbunden. Das Bild der Südsee und ihrer Bewohner bewegt sich dabei zwischen
Paradies und Hölle, zwischen „edlem Wilden“ und „Kannibalen“. Bis in die
Gegenwart wirken sich Stereotype gerade auch beim Thema „Südsee“ aus, denn der
moderne Reisende findet hier vor allem sich selbst, seine Grundannahmen und
Gegenbilder in der exotischen Welt der Südsee bestätigt. Eine solche „Begegnung
mit dem Fremden“ stiftet bzw. sichert eigene Identitäten ab. Diese Tatsache
bezieht sich auch auf nationale Identitäten, zumal wenn sie wie im Falle
Deutschlands im 19. Jh. noch (politisch) jung waren.
Bereits 1828 nahm die Niederländische Ostindien-Kompanie den Westteil Neuguineas
in Besitz. Der Ostteil der Insel kam erst ab 1860 durch Gründung von
Handelsstützpunkten einer Hamburger Firma in regelmäßigen Kontakt mit Europäern.
Stand dabei zuerst der Handel mit Kopra (getrocknetes Fruchtfleisch der
Kokosnuss) im Vordergrund des deutschen Interesses, so begann bald ein
regelrechtes Wettrennen zwischen dem Deutschen Reich und Großbritannien. 1885
wurde dann schließlich das deutsche Schutzgebiet „Kaiser-Wilhelms-Land“
als Kolonie im Nordosten von Neuguinea eingerichtet und bestand bis zum Beginn
des Ersten Weltkriegs.
Neben den Händlern und Soldaten kamen früh auch christliche Missionare,
die anfangs von den Einheimischen weniger für das, was sie predigten, sondern
für das, was sie an europäischen Waren mitbrachten, akzeptiert wurden. Neben den
religiös intendierten positiven Absichten der Missionare, spielten aber auch
rassistische Motive eine Rolle: Die traditionelle Lebensweise und Glaubenswelt
der moralisch und kulturell minderwertigen „Wilden“ sollte bis in die Wurzeln
hinein ausgelöscht werden. Aufgrund der prägenden Bedeutung der rituellen
Praktiken für die Gesellschaft gelang der Mission der Durchbruch erst nach dem
Zweiten Weltkrieg. Auch von Schleswig-Holstein aus wurde die Mission in
Neuguinea durch das von Christian Jensen begründete Missionszentrum in Breklum
betrieben. Die Reisen von europäischen Künstlern und Anthroposophen in
die Südsee zu Beginn des 20. Jahrhunderts – wie sie Emil Nolde von 1913 bis 1914
unternahm – waren dagegen in romantischer Verklärung von der Suche nach dem
Ursprünglichen bei den „edlen Wilden“ bestimmt.
Auch heute noch prägen die „Südseebilder im Kopf“ bei Touristen in
Ozeanien, aber auch bei den Zuhausegebliebenen die Vorstellungen über die ferne
Inselwelt. Berichte in den Medien über die gegenwärtigen Lebensverhältnisse in
Neuguinea sind eine große Seltenheit. Das Thema und die Menschen dort erscheinen
bis heute zu abgelegen ...
Historisierendes und idealisierendes Gemälde von Carl Saltzmann „Kreuzer und
Kanonenboot hissen die deutsche Flagge“ (1902, Ausschnitt).
Koprahaus der Deutschen Handels- und Plantagengesellschaft – Kopra, das
Fruchtfleisch aus Kokos, wird zermahlen und entölt. Das Öl wird bis heute zur
Herstellung von Seifen, Kerzen und als Speisefett verwendet. Foto um 1910 (aus
Wilpert 1987).
Die Jagd auf Paradiesvögel war in der deutschen Kolonie neben dem Handel mit
Kopra das einträglichste Geschäft. Aus den bis zu 30.000 jährlich exportierten
Vogelbälgen wurde damals modischer Federschmuck für Damenhüte hergestellt (aus
Paulmann 2005).
Präparierte Kopfjagdtrophäe des Stammes der Marind-anim – in der traditionellen
Mythologie Neuguineas sind Kopfjagd und Kannibalismus wesentliche religiöse
Glaubensbestandteile, aus europäischer Sicht sind dies klare Anzeichen für
primitive Amoralität der „Wilden“ (Museum für Völkerkunde, Berlin).
Auch Menschen aus Ozeanien wurden auf „Völkerschauen“ gezeigt. Das Bild aus dem
Jahr 1910 zeigt für ihre Schönheit gelobte Samoanerinnen, die in Hagenbecks
Tierpark „ausgestellt“ wurden (aus Graichen und Gründer 2007).
Viele Europäer verbinden auch heute noch vor allem Exotik mit der Südsee –
Maskentanz auf einem Sing Sing (Foto: Heiner Heine/MVG).
©
Rüdiger Kelm, zuletzt geändert am: