Rosa x francofurtana "Tapetenrose" – eine Alte Rose, die ihren Namen verloren und wiederbekommen hat

Heinke Arnold  (Zurück zur Kurzbeschreibung)

1979 fand Gerda Nissen in einem verwilderten Garten in Linden-Pahlkrug in Dithmarschen eine Alte Rose mit ungewöhnlich rotvioletter Farbe und einem kreiselförmigen Kelch. Nach langem Quellenstudium war sie sicher, dass es sich um die Tapetenrose handeln müsste, beschrieben 1990 in der 6. Auflage ihres Buches "Alte Rosen". Ihren Vortrag in Kassel im September 1989 vor den Rosenfreunden beendete sie mit den Worten: Ich halte sie für die bis ins 19. Jh. noch bekannte, dann verschollenen Tapetenrose, die älteste Form der Francofurtana-Klasse. Ich finde, man sollte dieser Sorte ganz offiziell den alten Namen wiedergeben und sie auch so handeln. Sie hat eine sehr alte berühmte Tradition, denn sie war vor der Einführung der Kletterrosen aus Fernost Europas einzige und erste hochrankende Rose.

Beschreibung der Fundrose:
Blatt: 5-zählig (7-zählig am jungen Trieb), Fiederblätter rundlich länglich mit meist stumpfer Spitze, deutlich gesägt, dünn, stark reliefiert, Oberseite hellgrün, Unterseite behaart, helleres Grün als Oberseite, Mittelachse (Rhachis) des Blattes etwas hakig
Nebenblatt: groß, häufig sehr breit
Kelch: dick topfig mit deutlicher Taille und aufgesetztem Wulst, glatt, bis auf das untere Ende, das mit gestielten, rötlichen Drüsen besetzt ist und borstig wirkt
Kelchblatt: lang, dünn, an den Enden etwas verdickt, keine oder kaum Anhängsel, anfangs die Knospe weit überragend, bedrüst
Knospe: schlank, spitz
Blüte: locker unregelmäßig gefüllt, Staubblätter oft von einzelnen kleinen Blütenblättern durchwachsen, Farbe unverwechselbares, aber schwer beschreibbares dunkles Karminrosa mit violetten Anteilen, oder wie Gerda Nissen es beschreibt" eine seltsam intensive Farbe - ein starkes bläuliches Rosa, das zu dem hellen Laub in lebhaftem Kontrast steht" (auch bei allen anderen mir bekannten Fundrosen, ob auf dem flachen Lande oder in 600 m Höhe in Norwegen), oft zu mehreren in einem Blütenstand
Tragblätter: unterschiedlich groß, Blütenstiele kurz bedrüst
Stacheln: viele kleine gerade und große gebogene
Duft: mittel. Die Intensität ist wie üblich unterschiedlich, je nach Tageszeit, Temperatur und Luftfeuchtigkeit
Höhe: aufgepflanzt im Meldorfer Rosengarten am Dreibock 2.20 und noch überhängend

Ausschlaggebend für Gerda Nissens Argumentation waren besonders die Beschreibungen von Wrede (1814), Nickels (1845) und Otto (1858) und die Abbildungen und Beschreibungen von Bertuch (1804) und Rössig (1807).

Hier sollen die botanischen Merkmale der Fundrose mit den Beschreibungen und Abbildungen der oben genannten Autoren und weiteren verglichen werden:

Der Handelsgärtner Conrad Wrede aus Braunschweig hatte sich über die Namensverwirrungen und schlechten Beschreibungen der Rosen geärgert und entwarf eine Systematik mit botanisch genauen Angaben, festgehalten in seinem Rosenverzeichnis (Wrede 1814). Es ist umständlich zu handhaben und hat sich nicht durchgesetzt. Für die Tapetenrose gibt er folgende Merkmale an:
Siebente Klasse; Fruchtknoten mit aufgesetzter Wulst; wo der untere Theil des Fruchtknotens halbkuglich ist, über diesem aber sich ein verengter Hals bildet, dann von hier bis oben noch ein wulstiger Ring aufgesetzt ist.
Dritte Ordnung in der siebenten Klasse; mit Drüsen tragenden Haaren oder Borsten besetzte Fruchtknoten.
Rosa turbinata sen Francofurtensis, kreiselförmige Frankfurter oder Tapetenrose. sempl.
(halbgefüllt) gdfl. (großblumig), matt purpurroth, ein wenig ins violette spielend; flattrig; eignet sich gut zum Rosenmantel.
(Kelch- und Blumendecke der Rosen) fadenförmig gefiederter Ansatz, mit Blattansatz an der Spitze
(Blumenstiele der Rosen) mit drüsentragenden Haaren oder Borsten besetzte Blumenstiele
(Holz der Rosen. NB. Die Beschreibung des Holzes bezieht sich auf einjährige völlig ausgewachsene Triebe) hellgrün
(Dornen der Rosen. Die Beschreibung der Dornen bezieht sich mehr auf junges Holz, als auf Stämme.) große und kleine Schilddornen
(Farbe der Dornen. NB. Die Farbe der Dornen ist von jungen Trieben im Herbst genommen, wenn sie völlig ausgewachsen sind) fahl gelbliche
(Größe der Laubblätter der Rosen) große Laubblätter
(Form der Laubbätter der Rosen) gespitzt ovale oder elliptische
(Gezähnter Rand der Laubblätter der Rosen) ungleich oder unregelmäßig gezähnte
(Farbe der Laubblätter der Rosen auf der Oberfläche) hellgrün
(Farbe der Laubblätter der Rosen auf der Unterseite) weißlichtgrün
(Bedornung unter den Laubblätterstielen der Rose) Dornen unter den Laubblattstielen

Diese äußerst detaillierten Beschreibungen passen genau zu der Pahlkruger Fundrose.

Adolph Otto beschreibt 1858 in seinem "Rosenzüchter" die Tapetenrose.
Kreiselförmige Rose, Tapetenrose, Frankfurter Rose: Wächst in Deutschland wild, blüht im Juni/Juli. Stengel 5 - 6 Fuß (1,50 - 1,80 m) und darüber hoch. Äste in der Jugend graugrün. Stacheln zerstreut stehend, teils gerade, teils krumm, ungleich lang. Die Blätter aus 5 - 7 Fiederblättern, groß, eirund, länglich spitz, blaß runzelig, einfach gesägt, unten zottig. Blattstiele rauhhaarig. Fruchtknoten kreiselförmig, glatt, nur am Grunde gleich dem Blumenstiele steifborstig. Blüten groß, halbgefüllt, hellpurpurrot. Eignet sich zur Bekleidung der Lauben, Bogengänge, usw.
Auch diese Beschreibung passt genau zur Pahlkruger Rose. "Wächst in Deutschland wild" bezieht sich wohl eher auf ehemalige Hausstellen, aufgelassene Gärten oder Auspflanzungen.

C. Nickels gibt 1845 in seiner "Kultur der Rosen" folgende Beschreibung:
Turbinata alias Francofurtiana.- Die Kreisel - auch Tapeten - Rose genannt. Schön, wohlriechend.
Blumenkrone. Stark rosenroth ins Bläuliche fallend, 2 1/3 Z. (6 cm) breit. ziemlich gefüllt. Die Rose liegt tellerförmig offen, die mittleren Blätter sind verschieden geformt, und um die Staubfäden herum gedreht: Griffel. Frei, zottig und sehr viele; Staubgefässe. Weder hoch noch zahlreich; Kelchblätter. Meistens ungetheilt, kürzer als die Knospe: Fruchtknoten. Kreiselförmig, oben sehr erweitert, unten spitzig birnförmig zulaufend, an der Basis etwas haarig; Blumenstand. Einzeln; Blumenstiel. Borstig; Deckblatt. Ungeteilt, eirund, spitzig, am Rande wimperig; Afterblatt. Blattständig, etwas drüsig; Stamm. 4 - 6 Schuh (1.20 - 1.80 m ), bildet einen starken, buschigen Strauch, die jungen Zweige graugrün, glatt; Stengelblätter. Eirund, spitzig, oben grasgrün und glatt, unten matt, filzig, runzlich und tief gezahnt; Blattstiel. Rauchhaarig: Dorne. Gerade und krumme, von verschiedener Größe stehen an den älteren Zweigen zerstreut; je älter aber das Holz ist, um so näher stehen die Dorne beisammen; Blüthezeit. Mai; Vaterland. Deutschland; Pflege. Wie die Feldrosen im Freien.
(Abkürzungen ausgeschrieben).
Es gibt viele Übereinstimmungen, aber nicht bei der Höhe, Blühzeit und Länge der Kelchblätter. Die Pahlkruger Rose kann es demnach nicht sein, aber wahrscheinlich eine nahe Verwandte.

In seinem "Bilderbuch für Kinder", 1802 - 1804, hat F. J.  Bertuch eine Rose portraitiert, die er als Die Tapetenrose bezeichnet hat. Die bläulichrosa Blüte ist flattrig gefüllt. Griffel und Staubblätter sind gut erkennbar. Die Knospe ist spitz, der Kelch kreiselförmig und am unteren Ende bedrüst. Die langen Kelchblätter sind am oberen Ende etwas verdickt und ohne Anhängsel, die Fiederblätter rundlich länglich mit kleiner Spitze, die Unterseite heller hervorgehoben, das Nebenblatt groß, am Stiel zwei deutliche Stacheln. (Aus Bertuchs Darstellung eines "Rosenmantels" ergibt sich die große Wuchskraft).


Diese Abbildung entspricht genau der Pahlkruger Rose.
Das gleiche gilt für die Abbildung C. G. Rössigs von 1807.
Bei ihm heißt sie "Frankfurter Rose", ohne den Zusatz "Tapetenrose".

Es folgen Autoren mit Abbildungen mit der Benennung " Rosier de Francfort" oder "Rose de Francfort" ohne den Zusatz "Tapetenrose":

Redoutés Abbildung von "Rosa turbinata, Rosier de Francfort" könnte bezüglich aller Merkmale sehr gut der Pahlkruger Rose entsprechen, wenn der Kelch einen ausgeprägteren Absatz und den daraufgesetzten Wulst hätte und die Bedrüsung nur im unteren Teil. Der Annahme, bei Redoutés Abbildung handele es sich um Empress Josephine, muss widersprochen werden. Empress Josephine, wie sie in Rosarien steht, hat einen völlig unbedrüsten, nicht kreiselförmigen Kelch sowie Kelchblätter mit gut sichtbaren Anhängseln, die Mitte der Blüte ist mit kleinen Blütenblättern verdeckt und die äußeren Blütenblätter verblassen sehr stark. Das entspricht nicht der abgebildeten Rose.

Anders verhält es sich bei der Abbildung "Rose de Francfort" bei Pinhas, 1815. Wer immer diese Rose auch sein mag, die Tapetenrose, wie die oben genannten Autoren sie beschrieben haben, ist es nicht. Auch wenn man berücksichtigt, dass die Farben im Druck nicht immer dem Original entsprechen, so ist die stark gefüllte Knospe mit ihrem blassen Rosa um einiges zu dick und zu hell. Zum anderen ist der Kelch nicht kreiselförmig wie bei der Tapetenrose, sondern rund, unter dem Ansatz der Kelchblätter eingezogen, und im Ganzen bedrüst. Die Kelchblätter selbst sind nicht lang, dünn und etwas verdickt auslaufend, sondern kurz und spitz.

Darstellungen der Tapetenrose mit anderer oder keiner Benennung:

Durch den Rosenkalender 2006 des Würzburger Museums kam noch eine andere Abbildung zu Tage. 1773 entwarf der Hofgärtner Johann Prokop Mayer einen Plan für die Gestaltung des Südgartens der Würzburger Residenz. Vor dem Jahr 1786 ließ er verschiedene Pflanzen für ein allerdings nie erschienenes illustriertes Pflanzenbuch malen. Erhalten blieben u.a. die Gouachen von 26 botanisch weitgehend genauen Rosenportraits. Die Legende einer Rose lautet: Rosa Persica major Floribus rubello violaceis majoribus purpuraceis. consperiis. Die große Persienische Rosen mit violetrothen großen Blumen mit purpurrothen Flecken.


Die Abbildung zeigt eine rotviolette, etwas flattrige Blüte mit gut sichtbarem Griffel und Staubblattkranz, eine spitze Knospe und einen Kreiselkelch mit der Bedrüsung nur im unteren Bereich. Auch der Blütenstiel ist bedrüst. Die Kelchblätter sind lang, etwas verdickt auslaufend, ohne Anhängsel, die Fiederblätter rundlich länglich mit kleiner Spitze und hellerer Unterseite, hervorgehoben durch eine umgeschlagene Blattspitze, die Nebenblätter groß.
Auch diese Abbildung passt genau zur Pahlkruger Rose.

Auf einem Blumenstück mit Insekten von Georg Hoefnagel von 1594 scheint neben der Knospe einer anderen Rose die Knospe einer Tapetenrose abgebildet zu sein. Es ist ein Miniaturstillleben mit Aquarell und Deckfarben auf Pergament, Pinsel, Feder, auf Gold gehöht. Offenbar haben sich zumindest die Grüntöne im Laufe der Zeit verändert. Faszinierend ist die Schönheit vor allem der Blüten und die wissenschaftliche Exaktheit. Besonders schön ist die elegante spitze Knospe einer R. x francofurtana mit langen dünnen Kelchblättern und etwas dickerem Ende, dem vielzitierten Kreiselkelch mit ausgeprägtem oberen Wulst, Bedrüsung nur im unteren Bereich mitsamt Blütenstiel und auf den Kelchblättern. Es könnte nicht nur die bislang älteste bekannte, sondern auch schönste Darstellung einer Tapetenrosenknospe sein.

   

Hoefnagels Blumenstück (16 x 12 cm); Tapetenrosenknospe im Ausschnitt

Zusammenfassung:

Gerda Nissen stellte 1990 eine in Linden-Pahlkrug, Dithmarschen, gefundene Rose als Wiederentdeckung der im frühen 19. Jh. bekannten und geschätzten Tapetenrose vor, die als Sorte der Francofurtana gilt. Rosen, die mit der Pahlkruger identisch sind, wurden, soweit bekannt, von Südskandinavien bis an den Alpenrand gefunden. An Hand von botanischen Merkmalen wird erneut mit historischen Beschreibungen und Abbildungen solcher Rosen verglichen, die seinerzeit als "Tapetenrose", Francofurtana-Rose oder anders vorgestellt wurden. Dabei ergeben sich Übereinstimmungen mit der Pahlkruger Rose, aber auch Abweichungen. Zwei Beschreibungen und drei Abbildungen stimmen genau überein. Davon wurde dreimal die "Tapetenrose" benannt, einmal die "Frankfurter Rose" ohne den Zusatz "Tapetenrose", einmal eine andere Benennung und eine Übereinstimmung mit der Knospe. Bei einer Beschreibung und einer Abbildung gibt es eine weitgehende aber keine genaue Übereinstimmung. Insgesamt gesehen, sprechen die meisten auf botanischen Merkmalen fußenden Argumente für die korrekte Ansprache der Pahlkruger Fundrose als R. x francofurtana "Tapetenrose", einschließlich der weit verbreiteten Fundrosen mit gleichen Merkmalen.

Nachtrag: Zu den unterschiedlichen Höhenangaben in der Literatur und die Beanstandung einiger älterer Autoren, dass die Knospen nicht richtig aufgehen wollen, könnte noch Folgendes angeführt werden: Der langjährige Rosensammler Dieter Heinzelmann aus Rötenberg im Schwarzwald, der seit 30 Jahren in seiner näheren und weiteren Umgebung gefundene Alte Rosen in seinem Garten aufgepflanzt und bewahrt hat (ohne zu ahnen, dass im Norden Gerda Nissen das Gleiche tat), machte folgende Beobachtung: In der östlichen Schwarzwaldvorebene stehen auf Lehm oder Muschelkalk teilweise Ort an Ort noch Tapetenrosen unter gleichen Bedingungen in unterschiedlicher Höhe. Ein Teil geht nicht über 1.60 m hoch, der andere 2 m und höher. Genauso verhalten sich die Rosen, die er aus Ausläufern von dort gezogen hat, in seinem Garten im Hochschwarzwald auf saurem, roten Buntsandstein. Sollte es evt. zwei Varianten geben? Im Blühverhalten stellt er allerdings einen Unterschied fest. Während die Rosen am Ursprungsort jedes Jahr prächtig blühen, haben seine beiden Schwierigkeiten beim Öffnen der Knospen, oder gehen in ungünstigen Jahren gar nicht erst auf, so dass man vermuten könnte, dass die Beschaffenheit des Bodens Einfluss auf das Blühverhalten hat.

Literatur- bzw. Bildverzeichnis:


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