Wo
sind sie denn, die Dithmarscher?
Vor
60000 Jahren lebten Neandertaler in Europa. Spuren damaliger Menschen gibt
es auch in Dithmarschen. Die ersten Dithmarscher: Neandertaler?
Vor 2100 Jahren bedrängten
Cimbern und Teutonen aus dem Norden die Römer. Waren die Teutonen
Dithmarscher?
Vor 1600 Jahren wanderten
Sachsen (und Angeln) über die Nordsee nach England ein. Auch Dithmarscher
Sachsen?
804 eroberte Karl der
Große das nord-elbische Sachsen, auch Dithmarschen. Fränkischer
Zuzug nach Dithmarschen?
Im 12. bis 14. Jahrhundert
entstanden zahlreiche Siedlungen in der neubedeichten Marsch. Zuzug nach
Dithmarschen?
Während der Wirtschaftsblüte
des 16. Jahrhunderts zog es viele mit nicht einheimischen Namen nach Dithmarschen.
Vor allem mit der Bedeichung
des Kronprinzenkooges wanderten ab 1787 Ostfriesen in die Südermarsch
ein.
Im Gefolge von Industrialisierung,
Landwirtschaftsboom und Kanalbau blieben in der 2. Hälfte des 19.
Jahrhunderts Auswärtige in Dithmarschen hängen - oft
Arbeiterproletariat (= sozial abgestiegene, verarmte Arbeiterschaft).
1945 erlebte Dithmarschen
einen riesigen Zustrom von Flüchtlingen aus Ostpreußen, Pommern
und Schlesien, viele blieben im Lande. Neue Dithmarscher?
Heute: Wachsende Mobilität,
”Stadtflucht” solcher, die sich hier ein ruhiges ländliches Leben
versprechen, sowie ausländische Immigranten bringen neuen Zuzug -
zugleich ziehen Einheimische weg.
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Was
man so "weiter unten" von Dithmarschen und Dithmarschern weiß
Kennt
man Dithmarschen in Süddeutschland überhaupt? – Eva Drechsler
befragte 31 landfremde Bundesbürger – mit interessanten Ergebnissen
aus dem Rheinland und den alten Bundesländern südlich der Mittelgebirge.
Hinterm Mond?
Nicht ganz so schlimm,
aber elf Befragte konnten gar nichts mit Dithmarschen verbinden, zwei weitere
siedelten es in Holland oder ”im Osten” an, der Rest richtig im Norden.
Einen Dithmarscher Ort
nennen?
Einige hielten Dithmarschen
für einen Ort, zwei nannten Heide, einer Wesselburen (woher seine
Mutter stammte), einer Büsum, eine Eiderstedt (!), der Rest nannte
keinen. Immerhin kannten einige Büsum – auf Nachfrage!
Welches Nummernschild?
Nur einer, aus Itzehoe
stammend, nannte richtig HEI, elf andere machten die gezeigten falschen
Vorschläge, der Rest wußte nichts.
Den Dithmarschern eine
Eigenschaft zuordnen...
”Stures Völkchen,
verschlossen, ”nicht weltoffen”
”zurückhaltender,
nicht so offen”
”stur”
”dickköpfig”
”nordisch kühl”
”wetterfest”
”evangelisch”
”bäuerlich”
”fahren gerne Fahrrad”
”neugierig, stolz auf
ihr Land, ”fremdenfeindlich”
”standhaft bei jeder
Brise”
”große breite Füße”
(!)
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Mundart
und Sprüche in Platt und Hoch
Als
der ehemalige Landrat Süderdithmarschens vor 50 Jahren dorthin kam, erhielt er
folgenden gutgemeinten Rat: "Das müssen Sie wissen, Herr Landrat: In
Marne, Heide und Wesselburen geht es eigentlich nur ums Geld."
Mehr von
der Mentalität erfährt man über die platt- oder niederdeutschen Sprache, die
immer noch örtlich ihre Besonderheiten hat, wie rechts die Karte der
aussterbenden Abwandlungen des Wortes "Adebar" (Storch)
verdeutlicht (nach Mensing).
Dithmarschen
ist sprachlich nicht einheitlich; die Übereinstimmungen der grenznahen
Teile mit den Nachbargebieten sind viel größer als innerhalb
des Landes. Auf den Norden beschränken sich
süm oder sem
für 'Sie' oder 'Ihnen'. Ganz im Nordosten spricht man das g schon
als ch wie in Nordfriesland und im Schleswigschen
(de chute Chrütt).
Quer durch Süderdithmarschen läuft eine Sprachgrenze zwischen
jüm
in Norden und ji oder ju im Süden für 'Ihr'. Auf
Dithmarschen beschränkt ist z. B. das absterbende Wort
Flerling
statt des üblichen Sommervagel für Schmetterling.
Ein Dithmarscher erteilte
einem Fremden auf die Frage nach der Uhrzeit die Auskunft: mien Klock
is half twei, darauf der Fremde: denn smiet er man gans twei
- in Teilen Dithmarschens sagt man
twei statt dem üblichen
twee
für zwei.
De Harbleker hebbt
de Sünn all an'e Lien (haben die Sonne schon an der Leine) sagte
man in Lunden bei sinkender Sonne - der Harbleker Koog liegt westlich am
gegenüberliegenden Eiderufer.
Baben in Hemm un nerrn
in Tiebensee sagte man zu jemand, der Jacke und Hose abgeworfen hat,
ein Wortspiel auf den Ort Hemme und das Wort Hemd; Tiebensee ist der Nachbarort
von Hemme.
Hier is de Friede Gottes
un Püttjer ut Windbargen bei großer Unordnung; in Windbergen
gab es Töpfereien; Töpfer galten (zu Unrecht) als unordentlich.
Spott auf das früher
häufige Vorkommen des Namens Tels(ch)e:
Dag, Telsche. - Dank, Telsche.
- Hesst mien Telsche ok sehn? - Ja, mien Telsche und dien Telsche weern
erst bi Telschemeller er Telsche. (Telschemeller = Tante Telsche)
Fellern
is dat hoge Fest, Klev is dat Swölkennest, Hennstedt is de hoge School,
Wiemerstedt is de Poggenstohl - solche Spottreime auf andere Dörfer
finden sich in vielen Abwandlungen:
Hamborg is'n grote
Stadt, Büsum dat will ok noch wat, Diekstrek is'n Waterpohl, Diekhusen
is'n Schietstohl.
Borg is dat allerbest,
Buckholt is en Rottennest, in Kuden sünd de rieken Gäst, Brickeln
is en Waterpohl, Quickborn is en Schietstohl.
In Linden is nix to
finden, in Pahlen is nix to halen, dor staht alle Dörn apen und dor
is ok nix in Grapen.
Na Wesseln, Lunn un
Loh gaht all de Schelm un Deef na to.
Leher Pack hett Lüs
op de Nack.
In Lunn sünd mehr
Spitzboven as Hunn.
(Fellern: Fedderingen,
Lunn:
Lunden, Swölken: Schwalben, Poggenstohl: Pilz, Pohl: Teich,
Schietstohl: Latrine, Deef: Diebe, Lüs:
Läuse, Hunn: Hunde)
Wat maakt de Kalwer?
fragte man die Büsumer neckend, weil sie einmal ein Feld mit Kuhsamen
bestellt haben sollen in der Hoffnung, es würden Kühe wachsen.
Bi Büsum
(oder
bi Windbargen) is de Welt mit Bred tonagelt.
Dithmarscher Magen
is mit Blick beslagen - der blechausgeschlagene Magen steht für
Ess- und Trinkfestigkeit.
(Quelle: Otto Mensing,
Niederdeutsches Wörterbuch, 1927 ff.)
Scheun schier -
ein eigentlich unübersetzbarer Ausdruck, den man in Dithmarschen häufig
hört, wenn alles ordentlich gemacht ist, alle Kanten gerade sind und
alles, was das Befinden so stört, beseitigt ist - z. B. nach Kahlschlag
im Garten.
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Von
"mennigen und seltzamen Koppen": Mythos Dithmarscher vor Jahrhunderten
Se
hebben alle Tidt ein wrevelich, mottwillich, stridtbar Volk gewesen
- so muß es selbst der Dithmarscher Chronist Neocorus 1596 einräumen,
als es um seine Büsumer Landsleute ging. Doch trotz Blutrache und
ständiger Geschlechterfehden funktionierte die Bauernrepublik bis
1559. Die Beredsamkeit und Verhandlungskunst der Bauern war Legende. Dazu
kam einen guter Schuß Hochmut, der sie auch bei Verbündeten
immer wieder unbeliebt machte - so bei ihren Handelsreisen z. B. nach Riga.
Andererseits war ihre Gastfreundschaft groß:
Daß ist ein
Landt, dar muß man sich auß freße unnd auß sauffe,
schreibt Neocorus. Der Lobesvers eines anderen lautet:
De Dithmerschen sind
gar witt bekennt / Se sindt up alle Ding behendt / Van Natur geschwind
im Rechtegang / Dat hengt ehn an ehr Leven lang.
Repräsentativ im
Positiven wie im Negativen war der Regent Peter Swyn, der z. B. selbstbewußt
mit einem bei Hemmingstedt erbeuteten Wams, kombiniert mit einer hausgewebten
Hose, auf einem Fürstentag brillierte. Die reichen Dithmarscher Bauern
kleideten sich nach der Mode; nur die lange Hose wich davon ab.
Die Regentenfamilie Swyn
lebt noch in dem Ausdruck ”Dat’s ’n Swinschen Staat” (für Pracht)
fort.
Nach dem Sieg bei Hemmingstedt
1500 entstanden zahlreiche Ruhmeslieder:
De sick jegen Ditmerschen
setten will / de stelle sick woll thor Wehre / Ditmerschen dat schölen
Buren sind / it mögen woll wesen Heren,
heißt es in einem,
oder auch:
Seggt dem Koninge
gude Nacht / He hefft uns braden Höner gebracht / Tastet tho, gi leven
Gesten / Ditt gifft uns Koning Hans thom besten / Gistern weren se alle
rike / Nu steken se hir in dem Schlike / Gistern dor vöreden se einen
hogen Moott / Nu hacken ehn de Raven de Ogen ut.
(Sagt dem König
gute Nacht, er hat uns gebratene Hühner gebracht [Kriegsbeute], langt
nur zu, ihr lieben Geste, dies gibt uns König Hans zum besten, gestern
waren sie alle reich, nun stecken sie hier im Schlick, gestern führten
sie hohen Mut, heute hacken ihnen die Raben die Augen aus.)
Selbst nach der Niederlage
und Eroberung durch die Fürsten 1559 schafften es die Dithmarscher
Unterhändler trotz aller Demütigungen, in Verhandlungen viele
Vorrechte und das Fortbestehen der Selbstverwaltung herauszuschlagen.
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Die
Frauenkleidung des 16. Jahrhunderts: ein ausgedientes Markenzeichen
Unverwechselbar
war im 16. Jh. die Kleidung der verheirateten Dithmarscherinnen mit der
schwarz-roten Kagel und ihren rechtsseitigen Zierknöpfen.
Von links nach rechts:
Dithmarscherin als Randfigur auf der Böckel-Karte von 1559 mit lang
geschwänzter Kagel; Jungfrau (mit kronenartiger ”Peel”) und verheiratete
Dithmarscherin nach Neocorus, um 1595; Frau Swyn auf einem Gemälde
von 1552.
Schon Anfang des 17.
Jh. setzte sich Modekleidung wie bei den Frauen des Heider Landschreibers
Rasche durch (rechts unten), die Kagel starb aus. Bei den meisten in heutiger
Zeit wiederbelebten ”Trachten” verzichtet man zugunsten der Modefrisuren
auf die Kagel. Unten metallene Trachtenfiguren von 1934 vom Marner Müllenhoff-Brunnen.
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Brennpunkte
Dithmarscher Selbstverständnisses: Dusenddüwelswarf und Hemmingstedt
Dithmarscher
berufen sich gerne auf den Sieg bei Hemmingstedt 1500. Ist es irgend hinzubiegen,
haben auch persönliche Vorfahren mitgekämpft. Symbole und Bilder
der Schlacht zählen früher wie heute, sei es beim Dusenddüwelswarf-Denkmal
(unten) und seinen Entwürfen (oben links), auf Notgeld oder beim naiven
(frech veränderten) Cover eines Naziromans oder eines heutigen Videofilmes.
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Eeten
und Drinken
In
Dithmarschen kocht man norddeutsch - erkennbar an weiter im Süden
unüblichen Kombinationen von deftig und süß, z. B.
von fettem Räucherfleisch und Fruchtsoße. Traditionelle Spezialitäten,
die auf Dithmarschen beschränkt sind, gibt es nicht - selbst den Mehlbeutel
kannte oder kennt man in Nachbarlandschaften, allerdings unter anderen
Namen.
Mehlbüdel
ist ein Teig aus Mehl, Eiern und Milch (siehe rechts) - mit vielen Abwandlungen.
Oft kocht man ihn umhüllt von Schinkenscheiben; bunter Mehlbüdel
enthält Rosinen.
Traditionell sind oder
waren Gerichte wie Gassengrütt (Gerstengrütze) oder Grütze
von anderen Getreidesorten oder Buchweizen, Birnen, Bohnen und Speck, wozu
bestimmte Kochbirnen dienten, Grünkohl mit Kochwurst und Räucherspeck
(in Dithmarschen werden Kartoffeln und Kohl häufig nicht zusammengemust),
früher auch grote Bohnen in Milch oder Fleischbrühe gegart.
Beim Schlachter gibt es Grützwurst mit Rosinen oder Eierleberwurst.
Beliebt ist eine süße Suppe aus Holunderbeeren mit Grießklößen
(Klüten) und Apfelscheiben (Flederbersupp).
Seefisch und Krabben
(heißen in Dithmarschen Kruut und nicht Porren wie
in Eiderstedt) spielen außer in den Küstenorten erst seit den
Konservierungs- und Kühlmöglichkeiten eine größere
Rolle.
Beliebte Gebäcke
sind oder waren Abenskater (Ofenkater, Teig ähnl. Rosinenstuten),
urprünglich in einer Tonform mit Speckscheiben bedeckt am Backtag
zusammen mit dem Brot im Ofen gebacken, oder Förtchen (bedeutet eigentlich
"Fürzchen", in Dithmarschen Futtjen oder Braadballen
genannt), die in speziellen Pfannen in Fett gesotten werden, wie 'Berliner',
aber viel kleiner. Bunten Stuten (Rosinenbrot) ißt man gerne
mit Mettwurst belegt.
Angestammte Dithmarscher
halten es mit Beer (Bier) und Köm (Kümmel), wenn
es um Alkoholisches geht. Ganz ausgestorben ist das obergärige eigengebraute
Bier, aus dem man mit Brot und Zucker oder Sirup eine Biersuppe, das früher
beliebte Warmbeer, herstellte.
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Ungeliebte
Nachbarn: Holsten, Eiderstedter, Stapelholmer und Hadelner
Vor
Jahrhunderten soll man in Stapelholm die Bauernglocken (unten, in Erfde)
geläutet haben, wenn die Dithmarscher einfielen. Mit Sicherheit haben
Eiderstedt und Nordfriesland im 15. Jahrh. unter den Dithmarschern gelitten
- Kort Widderik hatte sich im Turm der Pellwormer Kirche eingenistet (rechts),
bis der einzustürzen drohte; dann plünderte er die Kirche und
raubte die Taufe, die nun in Büsum stehen soll.
Auch in späteren
Zeiten ärgerten sich die Dithmarscher über die Eiderstedter Junker
auf der einen und die Wilstermarscher Keesbuurn auf der anderen
Seite.
In der Wilstermarsch
hieß es nu geit vör’t Holstenreck (nun geht es an die
Holstengrenze), wenn handgreifliche Auseinandersetzungen mit den Dithmarschern
anstanden.
Mit Donner Kosacken
künnt sik man packen, se künnt sik man verwahren vör de
Kudenseer Husaren ärgerten die Kudenseer Kinder (Wilstermarsch)
die Dithmarscher vom nahen Donn.
Ende gut, alles gut,
kopplangs to de Huusdör rut; so gung dat unsen Musje vun de Güntsied,
as he sik opspel as so’n lütt Eddelmann (...so ging das unserem
Monsieur von der anderen Seite, als er sich wie ein Adliger aufspielte)
reimte man in Burg über jemand von der anderen Elbseite.
Wenn Stapelholmer Marktfrauen
in Heide Holmer Röwsaat (Rübsaat) anboten, riefen die
Kinder Schelm- un Deefsaat!
Der Eiderstedter Chronist
Peter Sax hat 1640 in seiner ”Dithmarsia” alle ihm bekannten Urteile über
Dithmarscher zusammengestellt. Meistens fallen sie nicht günstig aus
- kein Wunder, wenn überwiegend Gegner Dithmarschens das Wort haben.
Auszug: Ein Volck, mit dem sich die Holstein für und für schlagen,
und überwerffen müßen, eß kan sich Hoen und Gewalt
übel enthalten, darumb daß Sie Ihren Adell deß Sie sich
rühmen, und ihre Stärcke, die sie Ihnen zumeßen, Jederman
fürziehen, und wollen nicht leiden, daß man Sie Andern gleich
achte, Sie ziehens für großen Schaden an, und achtens tewr,
so Jemandts von den Ihren erschlagen, achten Sie es für gering, wen
Sie Schaden gethan, und Gewalt geübet haben, sein Sie die Ersten,
so da Klagen, und können schwerlich ruhe, und Friede halten, hören
mit Zörnen und Feindschaft nicht ehe auf, Sie haben dan Ihren Widerpart
gedubbelt mehr Schadens zugefüget, alß Sie empfangen haben...
Oder an anderer Stelle
heißt es über die wegen der Verbrennung Heinrichs von Zytphen
oft als Mönkensmöker verspotteten Dithmarscher:
Ob sie gleich viel
geloben, so halten Sie doch nichtes, Ihre Feinde die Sie beweltigen, tödten
sie grewlich.
Zur Zeit der Dithmarscher
Bauernrepublik traf man sich im Niemandsland auf dem Kuckwall, einer verlassenen
Burgstelle am Grenzbach zu Holstein, um über gegenseiteige Streitigkeiten
zu befinden. Schwache Spuren sind heute noch übrig.
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Mißgunst,
Spott und Zwietracht: Gespaltenes Dithmarschen? Der Marschbauer sieht
mit einer gewissen Geringschätzung auf den Geestbauern herab, daher
der Rat eines dithmarscher Bauern: mien Söhn, blief du in’e Masch,
dor buten is allens Geest! (nach
Mensing, Niederdeutsches Wörterbuch)
Aufsässigkeit
und Protest aus dem platten Land Feste,
die man schon früher feierte - Spiele, die es schon lange gibt Tradition
aus der Retorte Die
Klischees für Touristen, die Klischees der Touristen Wen
rechnen die Dithmarscher zu ihren "Großen"? Dithmarscher
Fernsehprominenz Typisch
Dithmarscher: ein Fazit Alles, was Dithmarschen ausmachen
soll und was man gern für typisch hält, hat der Brunsbütteler
Grafiker Jens Rusch gleichsam auf den Punkt gebracht und in seiner Collage
aneinandergefügt, ergänzt um die Silhouette der Heider Volks-
und Raiffeisenbank, dem Auftraggeber (und Spender dieses Druckes). Nachtrag: Herkunft und Deutung des Namens
Dithmarschen Übersicht
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Dithmarschen
war von 1581 bis 1970 zweigeteilt; dabei gehörten der fürstlich-gottorfische
Norderteil und der königlich-dänische Süderteil bis ins
18. Jahrhundert hinein zwei meistens verfeindeten Herrschaften an. Die
dicht bei Heide verlaufende Grenze war wiederholt eine ”Front”. Damals
vertiefte Gegensätze wirken teilweise bis heute nach.
Interpretation der alten
Nummernschilder: HEI: Hilfe, ein Idiot!
MED: Mutti, ein Dussel!
Gott schütze uns
vor Leid und Weh und vor dem Zeichen MED!
Vor allem die Frühzeit
der Dithmarscher Bauernrepublik ist von ständigem Streit und blutigen
Fehden gekennzeichnet. Einem regelrechten Bürgerkrieg hat 1434 Heide
seinen Aufstieg zu verdanken - als Versammlungsort der zuletzt siegreichen
Partei.
Heide und Meldorf haben
immer um das Sagen in Dithmarschen gestritten. ”Heider gottsleider” sagte
man in Meldorf gern. Worum es bei der handgezeichneten Postkarte links
geht, ist nicht mehr klar, aber Heide wird verspottet: ”Genieße,
was dir Gott beschieden, entbehre gern, was du nicht hast!”
Der Kartenausschnitt
von 1732 zeigt den damals strittigen Grenzverlauf südlich von Heide.
Zwei gegenüberliegende viereckige Schanzen zeugen von alter Feindschaft,
ebenso der bei n eingezeichnete Pestgalgen.
Noch heute stehen Grenzsteine
zwischen Norder- und Süderdithmarschen, z. B. am südlichen Ortsausgang
von Heide (unten). ND steht für Norder-, SD für Süderdithmarschen.
Wenn es um die Verwandtschaftsbeziehungen
einer Marschfamilie geht, zählt jeder Name und genaue Herkunft - solange
es sich um Marsch handelt, sonst hieß es oft einfach ”de is vun
de Geest” .
”Der Geestbauer ... ist
körperlich und geistig von dem Marschbauern verschieden ... Der schwere
hochgewachsene Marschbauer hat schon einen anderen wiegenden Gang als der
hagere Bewohner der Geest. Jener prahlt wohl manchmal, dieser ist zurückhaltend.”
Nach
Otto Lehmann, Hausgeographie von Dithmarschen.
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Wenn
es um tatsächliche oder vermeintliche Rechte der Dithmarscher geht,
werden sie schnell aufsässig. Die jüngsten Angriffe richteten
sich gegen den ’Synthesebericht’ und den Nationalpark Wattenmeer (rechts)
sowie gegen Kontrollen beim Einsatz der ausländischen Erntehelfer
(Mitte links). Dann ist Besonnenheit nicht gefragt.
Als 1838 das Vorrecht
der Zollfreiheit Dithmarschens (gegen Entschädigung!) kassiert wurde,
ließ dieses nachts an eine Pumpe in Heide geheftete Pamphlet den
dänischen König einen Pakt mit dem Teufel eingehen.
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Dithmarscher
feiern gerne ihre traditionellen Feste - nie genau wie ’früher’, sondern
angepaßt an Erfordernisse der Gegenwart. Bis auf das in Nordhastedt
gefeierte Frunsbeer und das auf die 'Eggen' des Ortes Heide beschränkte
Hahnebier gibt oder gab es diese Feste auch in den Nachbargebieten.
Das Heider Hahnebier
geht auf das jährliche Abrechnungsfest einstiger Flurgemeinschaften,
den Eggen, zurück. Anfang des 19. Jahrh. wiederbelebt, wird es zur
Faßnachtszeit mit Umzug, Sitzung und Festball gefeiert.
Ein sehr originales Dithmarscher
Fest ist das Nordhastedter ’Frunsbeer’ (alle drei Jahre), das die sagenhafte
Bezwingung von Räubern durch mutige Frauen aus dem Dorf zum Thema
hat.
Das Maifeuer findet jährlich
in der Walpurgisnacht vor dem 1. Mai statt - ein an der Westküste
nur auf Dithmarschen beschränktes Fest.
Kindervogelschießen
gibt es seit dem 19. Jh. in Anklang an Feste der Schützengilden, wobei
ein Ziel auf der Vogelstange (links, 18. Jh.) zu treffen war - ursprünglich
als Wehrübung.
Beim Rolandreiten mußte
man den Schild treffen, ohne den Aschenbeutel der sich drehenden Figur
abzubekommen. Es gilt die Zahl der Drehungen.
Beim Ringreiten muß
der galoppierende Reiter möglichst oft den am Gerüst aufgehängten
Ring mit einem speziellen Gerät, dem Stecher, herunterholen.
Boßeln heißt
ein Mannschaftswettkampf, bei dem Werfer(innen) eine mit Blei gefüllte
Holzkugel (Boßel) durch Wurf so weit es geht befördern müssen,
so daß die Mannschaft für die Gesamtstrecke möglichst wenige
Würfe benötigt.
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Ausstellung "Typisch Dithmarscher" von vorn
Seit
über 100 Jahren, vor allem seit ca. 1990, wurden ‘historische’ oder
‘landestypische’ Feste entweder wiederbelebt (z. B. Schwertertanz) oder
neu geschaffen (z. B. Marktfrieden), oft eine Mixtur aus Idealismus und
umsatzfördernder Absicht: mit Glück ein Ansatz zu neuen Traditionen.
Der Schwertertanz ist
um 1600 aus Büsum bezeugt. Im 18. Jahrh. eingegangen, wurde er Anfang
des 20. Jahrh. unter freier Ausgestaltung des spärlich überlieferten
Rituals wiederbelebt und steht heute für Albersdorf.
Seit 1990 findet in Heide
das ’Marktfrieden’-Fest statt, ein dreitägiges Spektakel aus Trachtentänzen,
Volkstheater, Schauhochzeit, Umzug und ’Mittelalter’-Markt. Bezug ist die
Zeit der Bauernrepublik 1447-1559, in deren Landrecht der Marktfrieden
als besonderer Rechtsfrieden auftaucht.
Das Meldorfer Weberfest
knüpft an die seit einem Jahrhundert bestehende Kunstweberei der Stadt
an.
Noch nach dem Heider
Marktfrieden schuf man in Burg nach der Sage von der Ermordung Graf Rudolfs
in der Bökelnburg (1145) ein Fest mit historischem Schauspiel.
Selbst die ’Dithmarscher
Kohltage’ können auf historische Rückgriffe nicht verzichten,
wie aus der Kleidung der ’Kohlregentinnen’ mit ihren (sehr frei gehaltenen)
Anklängen an Frauenkleidung des 16. Jahrh. deutlich wird. Kohlanbau
spielt hier erst seit etwa 1900 eine größere Rolle.
Für die Trachtengruppen
seien hier die seit 1981 bestehenden ’Wöhrdener Kageln’ genannt, die
sich vergleichsweise eng an die Frauenkleidung des 16. Jh. halten.
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Glaubt
man der touristischen Werbung, besteht ganz Dithmarschen aus Badestrand,
Deichen, Schafen, Leuchttürmen, Seehunden und Fischkuttern. Mit stillen
Waldwegen, Bauernhöfen mit Knuddeltieren, mit historischen Festen,
Städten und Stätten im Hinterland. Viele Ersttouristen sind überrascht,
statt dauerndem Badespaß meistens glitschiges Watt zu finden.
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Wenn
es ihnen um ihre Großen geht, sind Dithmarscher großzügig.
Während viele Flüchtlinge oft noch nicht einmal in der zweiten
Generation dazugerechnet wurden, zählt Wulf Isebrand, der Held von
Hemmingstedt 1500, natürlich dazu, obwohl er sich aus den Niederlanden
nach Wöhrden eingeheiratet hatte. Sogar der Komponist Johannes Brahms,
der Dithmarschen vielleicht nie betreten hat, gilt für die Dithmarscher
als einer der Ihren - sein Großvater war als Lumpenhändler nach
Heide geraten, sein Vater in seiner Jugend schon nach Hamburg gezogen.
oben: Karl Müllenhoff
(1818-84) aus Marne, der große Sammler schleswig-holsteinischer Sagen
und Märchen, später in Kiel
li.: Der Komponist Joh.
Brahms (1833-97), für Heide beansprucht
oben: Klaus Groth, der
bedeutendste niederdeutsche Dichter (1819-99) aus Heide, später Professor
in Kiel
unten: Wulf Isebrand,
der Held der Schlacht bei Hemmingstedt 1500, durch H. Groß zum nationalsozialistischen
Idol stilisiert
unten: Gustav Frenssen
(1863-1945), Pastor aus Barlt, später erfolgreicher Romancier (’Jörn
Uhl’), verfiel zuletzt dem Nationalsozialismus
oben: Claus Harms (1778-1855),
streitbarer evangelischer Prediger aus Fahrstedt bei Marne, förderte
als einer der ersten die niederdeutsche Sprache
oben: Der Dramatiker
Friedrich Hebbel (1813-63), geboren in und geflohen aus Wesselburen, in
Wien erfolgreich
Wen der folgenden nicht
mehr lebenden Dithmarscher zählen Sie zu den ’Großen’? Markieren
Sie ihn mit einem Klebepunkt!
Nicolaus Bachmann, Maler
und Bildhauer
Hermann Glüsing,
Bauer und Politiker
Willi Graba, Maler
Hans Gross, Maler und
Grafiker
Claus Heim, Renaissanceschnitzer
Barthold Georg Niebuhr,
Historiker
Peter Swyn, Regent
Gustav Adolph Thomsen,
Bauer und Politiker
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Mehr
Dithmarscher als mancher denkt waren oder sind häufiger mal im Fernsehen
zu sehen. Es kommt darauf an, wen man dazurechnet, z. B. die streitbare
Umweltministerin in Düsseldorf, Bärbel Höhn, die in Heide
ihr Abitur machte, oder den Berliner Wahldithmarscher E. Mrugalla, der
durch gefälschte Malerei bekannt wurde. Oder der frühere Finanzminister
Roger Asmussen, geboren bei Bremen, der 1987 durch eine kritische Haltung
in der Barschel-Affäre hervortrat und seit langem bei Heide lebt.
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Dithmarscher
und Dithmarschen liegen voll im Trend der Zeit: Je weniger Besonderes sich
noch findet, desto mehr bemüht man sich um (scheinbar) Unverwechselbares.
Fast alles, was landestypisch sein soll, findet man auch bei Nachbarn Dithmarschens:
Deiche, Wind, Knicks, Schafe, Kohl, Krabben, Sturheit ... Und die typische
Aufsässigkeit oder Freiheitsliebe (je nach Blickwinkel)? In vielen
ländlichen Gegenden fern der Städte denkt man ebenso. Die Europäisierung
unserer Vorstellungen geht mit einer weitreichenden Normierung einher.
Typisches gibt es nur rückblickend: selbst dort weniger, als wir wahrhaben
wollen. Besonders an den Dithmarschern ist es aber, sich als etwas Besonderes
zu fühlen.
Was ist übrig von
(vermeintlich) jahrhundertelanger Tradition?
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Kurz gesagt, heißt Dithmarschen Großmoorland. Da die
Begründung nicht so kurz zu machen ist, hier ein Auszug aus Wolfgang Laur's
Historischem Ortsnamenlexikon von Schleswig-Holstein, 2. Auflage, Neumünster
(Wachholtz Verlag) 1992, 212-213. Wer sich näher dafür interessiert, sollte
sich das Buch und andere Werke des anerkannten Ortsnamenforschers besorgen. Vor
Hobby-Namensforschern ohne Kenntnis der Sprachen- und Lautentwicklung sei nur
gewarnt.
© Volker Arnold,
zuletzt geändert am: